Inhalt der gedruckten Ausgabe 49/2015

Leitartikel

Stolz oder Scham?

Zum Sonntag

Schrifttexte

Gedanken zum Sonntag

Margit Hauft
Erwachsenenbildnerin
Wels

Information

Flüchtlingskoordinator Konrad bittet Orden um Hilfe
Patriarch warnt: Gegenüber Muslimen nicht naiv sein

Flüchtlingskoordinator Christian Konrad hat am 24. November in Wien-Lainz die 500 Ordensleute des diesjährigen Ordenstags aufgefordert, ihre Klöster noch einmal auf Möglichkeiten zur Unterbringung von Flüchtlingen zu überprüfen.

Argentinien: Papstfreund Rabbi Bergman wird Umweltminister

Der Rabbiner Sergio Bergman (53) wird Umweltminister in der neuen argentinischen Mitte-Rechts-Regierung unter dem neu gewählten Präsidenten Mauricio Macri.

Erzdiözese Wien: Pfarren künftig in 140 Entwicklungsräumen

Die Erzdiözese Wien hat mit Wirkung vom 29. November (1. Adventsonntag) 140 sogenannte „Entwicklungsräume“ errichtet. Sämtliche Pfarren der Erzdiözese gehören jetzt einem Entwicklungsraum an. Diese Entwicklungsräume haben zwar keine eigene kirchenrechtliche Organisationsform, legen aber prinzipiell fest, in welchem Gebiet sich über die Pfarrgrenzen hinaus künftig die Zusammenarbeit entwickeln soll.

Altabt Werlen: Papst bei Kirchenreform nicht allein lassen

Mit den wachsenden Problemen der Kirche, gerade junge Menschen zu erreichen, gehen zugleich Chancen einher, den Glauben neu zu entdecken.

Goldene Schallplatte für Heiligenkreuz

Am 12. Dezember erhalten die Zisterziensermönche des Stiftes Heiligenkreuz die „Goldene Schallplatte“ für die neue Erfolgs-CD „CHANT FOR PEACE“ mit der Sängerin Timna Brauer überreicht.

300.000 Euro für einen neuen Altar

Nach Limburg, wo Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst mit seiner 31-Millionen-Luxusresidenz für Empörung sorgte, steht jetzt Augsburg im Zentrum von Kritik.

Kenia: Papst-Kritik an korrupte Eliten und Genitalverstümmelung

In seinem ersten öffentlichen Gottesdienst auf afrikanischem Boden beließ es der Papst nicht bei einem allgemeinen Plädoyer für die Familie. Stattdessen las er den Männern des Landes die Leviten und prangerte weibliche Genitalverstümmelung an.

Der Papst, die Muslime und Hans Küng

In Nairobi ereignete sich am 26. November Denkwürdiges: Der oberste Repräsentant der Muslime in Kenia begrüßte Papst Franziskus mit einem Zitat des christlichen Theologen Hans Küng: „Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen“, sagte Abdulghafur El-Busaidy.

Kenias Islamführer und Medien loben den Papst

Kenias Islamführer und die landesweiten Medien haben  Papst Franziskus und die kenianische Ortskirche gelobt.

Flüchtlinge: Kapellari für „realistischen Idealismus“

Zu einem „nicht blauäugigen, sondern realistischen Idealismus“ im Umgang mit Flüchtlingen hat der emeritierte Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari aufgefordert.

Wie der Wiederaufbau Bosniens wird auch die Integration in Europa scheitern

Der katholische Bischof von Banja Luka in Bosnien, Franjo Komarica, ist skeptisch hinsichtlich der Fähigkeit West-europas, die große Zahl der ankommenden Flüchtlinge zu integrieren.

Herbe Kritik am neuen Budget: Fluchtursachen sträflich vernachlässigt

Beim Budgetbeschluss des österreichischen Nationalrates am Donnerstag ist „Budgetpolitik auf dem Rücken der Ärmsten und auf Kosten der Zukunft“ betrieben worden.

Der Turm von Babel und andere Mauern

Wie in der letzten JA-ausgabe angekündigt, publizieren wir hier die dritte Frage, die Papst Franziskus bei seinem Besuch der evangelisch-lutherischen Gemeinde vorgelegt wurde, und die vielsagende Antwort.

Wunder nach Kuss von Papst Franziskus?

Papst Franziskus hat bei seinem US-Besuch in Philadelphia ein Kleinkind geküsst, das an einem inoperablen Gehirn-Tumor litt. Seither habe sich der Tumor signifikant zurückentwickelt, berichtete „Philadelphia Inquirer“.

Vor 50 Jahren endete das Zweite Vatikanische Konzil

Vor 50 Jahren – am 8. Dezember 1965 – ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Es wurde von Papst Paul VI. feierlich beendet, war die größte Kirchenversammlung in einer 2.000-jährigen Geschichte der Kirche und das 21. und bisher letzte ökumenische Konzil der katholischen Kirche.

Hilfsaktion will christlich-historische Dokumente vor IS schützen

Um wichtige Dokumente des christlichen Lebens im Nahen Osten vor den IS-Terroristen zu retten, für kommende Generationen zu sichern und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat das Internationale Zentrum für Archivforschung (ICARUS) eine Kooperation mit dem „Centre Numérique des Manuscrits Orientaux“ (CNMO) des irakischen Dominikanerpaters Michaeel  Najeeb  beschlossen. Das wurde bei der jüngsten ICARUS-Tagung in St. Pölten fixiert.

Bibelwerk: Weihnachtsevangelium in 15 Flüchtlingssprachen online

In 15 wichtige Sprachen, die in den Herkunftsländern von Flüchtlingen und Arbeitsmigranten gesprochen werden, ist das Weihnachtsevangelium ab sofort auf den Internetseiten des Katholischen Bibelwerks und der evangelischen Deutschen Bibelgesellschaft online.

Leitartikel

Stolz oder Scham?

Mut kann man nicht kaufen, sagt man. Entweder man hat ihn oder nicht. Papst Franziskus hat ihn.
Erst vor wenigen Monaten haben islamistische Terroristen an einer Universität von Kenia unter christlichen Studenten ein Blutbad angerichtet.
Dennoch und wenige Tage nach dem Terror von Paris hat der Papst dieses Land besucht. Ungeachtet aller Sicherheitsbedenken.
Während diese Zeilen geschrieben werden, ist noch nicht klar, ob der Papst seine Afrika-Visite mit einem Besuch der von Terror geschüttelten Republik Zentralafrika abschließen kann.
Weltweit zittern nicht nur die Katholiken um ihr Oberhaupt. Wenngleich sie wissen, dass der Papst selbst im Vatikan nicht wirklich sicher ist.
Der Papst ließ sich von der Reise in jenen Kontinent nicht abhalten, von wo Bischöfe bei der Familiensynode ihm den größten Widerstand geleistet haben. Oder vielleicht gerade deshalb?
Er hat sich erneut mit den Armen soldarisiert und den Menschen dort die hausgemachten Probleme vor Augen geführt, jedoch nicht vor den „gefährlichen  westlichen Einflüssen“ gewarnt, wie es Bischöfe vor Ort tun.
Und unser Mut?
Was überwiegt, wenn wir auf Franziskus schauen? Stolz oder Scham?

P. Udo

 

 

Schrifttexte

Erste Lesung:   Bar 5, 1-9

Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis zeigen

Leg ab, Jerusalem, das Kleid deiner Trauer und deines Elends, und bekleide dich mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir für immer verleiht. Leg den Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt! Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen. Gott gibt dir für immer den Namen: Friede der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht. Steh auf, Jerusalem, und steig auf die Höhe! Schau nach Osten, und sieh deine Kinder: Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, dass Gott an sie gedacht hat. Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte. Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel, und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, so dass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann. Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß. Denn Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.

 

Zweite Lesung:   Phil 1, 4-6.8-11

Sei rein und ohne Tadel für den Tag Christi

Immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt. Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu. Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe, die Christus Jesus zu euch hat. Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi, reich an der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt, zur Ehre und zum Lob Gottes.

 

Evangelium:   Lk 3, 1-6

Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. So erfüllte sich, was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.

 

Gedanken zum Sonntag

Margit Hauft
Erwachsenenbildnerin
Wels

Wer hört ihn in der Wüste?

„Eine Stimme ruft in der Wüste…“ heißt es im heutigen Evangelium, und ich denke mir: Einen aussichtsloseren Platz, um eine Botschaft zu verkünden kann ich mir gar nicht vorstellen. Wer in aller Welt soll den Ruf hören und ihm auch noch folgen? Das widerspricht doch wirklich jeder Logik! Auch dem Evangelisten müsste das eigentlich klar gewesen sein. Da verkündet einer eine Botschaft, legt sich keine Strategie zurecht, ja geht zu allem Überfluss auch noch dorthin, wo mit der größten Wahrscheinlichkeit kaum jemand hören wird, was er zu sagen hat, und trotzdem erfahren es alle, und sie reagieren auch noch.
Nach menschlichem Ermessen hatte die Verkündigung des Johannes absolut keine Chance, doch wo Gott es will, dort wird sogar ein stummer Schrei in der Wüste zu einem Erfolg, der durchschlagender wirkt als jedes neuzeitliche Marketingkonzept.
Vielleicht ist aber genau das die Botschaft des heutigen Evangeliums. Eine gute Botschaft für uns, die wir uns auch immer wieder einmal als einsame Rufer und Ruferinnen in der Wüste erleben. Für all diejenigen etwa, die heute in unserer „wüsten“ Welt „Bereitet dem Herrn den Weg“ rufen, und das Gefühl haben, dass sich nichts aber auch gar nichts daraufhin regt. Für alle, die sich in unserer Gesellschaft darum mühen, Menschlichkeit und Barmherzigkeit hochzuhalten und sich damit den Stempel eines naiven „Gutmenschen“ einhandeln.
Das heutige Evangelium macht uns deutlich, dass Gott manchmal gerade auf diese einsamen Stimmen in der Wüste setzt. Es lässt durchblicken, dass unser Gott durchaus auch auf solchem Fundament zu bauen versteht. Ja, vielleicht sucht er manchmal gerade diejenigen, die einfach rufen, und das auch dann noch, wenn es eigentlich schon aussichtslos zu sein scheint.
Dass seine Botschaft auch gehört wird, darüber brauchen wir uns dann den Kopf nicht zu zerbrechen, darum wird er sich nämlich – das sagt mir das heutige Evangelium – am Ende selber kümmern.

 

Information

Flüchtlingskoordinator Konrad bittet Orden um Hilfe
Patriarch warnt: Gegenüber Muslimen nicht naiv sein

Flüchtlingskoordinator Christian Konrad hat am 24. November in Wien-Lainz die 500 Ordensleute des diesjährigen Ordenstags aufgefordert, ihre Klöster noch einmal auf Möglichkeiten zur Unterbringung von Flüchtlingen zu überprüfen.

Bis Jahresende fehlten noch über 20.000 winterfeste Quartiere.
Am selben Tag hat der in Österreich zu Besuch weilende irakische chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael Sako in einem Kathpress-Interview den Westen eindringlich gewarnt, gegenüber den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten zu naiv und blauäugig zu seien.
Die Menschen würden ihre eigenen Traditionen und ihre muslimische Mentalität mitbringen, die nicht mit westlichen Werten vereinbar seien. Man müsse die Gefahr von Parallelgesellschaften realistisch sehen und dagegen vorgehen. Zudem könnten unter den Flüchtlingen durchaus auch Terroristen sein, so Sako.

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Patriarch Louis Raphael Sako.

Foto: Wolfgang Zarl.

Integration sei vielleicht möglich, aber sicher schwierig. Jedenfalls seien die westlichen Staaten gut beraten, „klug vorzugehen“, sagte der Patriarch. Er warnte vor einer zu hohen Konzentration von muslimischen Flüchtlingen in eigenen Wohnvierteln.

„Muslime fühlen sich als etwas Besseres“
Sehr skeptisch, dass sich die derzeit nach Europa strömenden muslimischen Flüchtlinge tatsächlich in die europäische Gesellschaft integrieren, hat sich der irakische Dominikanerpater Najeeb  Michaeel gezeigt. Europa drohe eine Destabilisierung, so Najeeb im „Kathpress“-Interview.  Er habe große Zweifel, dass die Muslime ihre Mentalität aufgeben würden, wonach sie sich als etwas Besseres als Nicht-Muslime betrachten.Unter den derzeit aus dem Nahen Osten nach Europa kommenden Flüchtlingen seien nur ein bis zwei Prozent Christen. Die Christen versuchten auf anderen, legalen Wegen, in den Westen zu gelangen. Was freilich fast ein Ding der Unmöglichkeit sei. Kaum eine christliche Familie bekomme ein Visum für ein westliches Land, kritisierte der Ordensmann.

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P. Michaeel Najeeb.

„Europa versteht uns nicht“
Christliche Flüchtlinge würden aus Angst so gut wie nie zusammen mit muslimischen Flüchtlingen leben. Weder in den Flüchtlingscamps rund um Syrien noch auf den Fluchtrouten nach Europa. Das sei für die Christen viel zu gefährlich. Er habe fast mehr Angst um die Zukunft Europas als um die Zukunft des Nahen Ostens, so P. Najeeb: „Das lehrt uns unsere Erfahrung als Christen unter Muslimen. Aber niemand hört uns zu. Europa versteht uns nicht.“

IS foltert in Dominikanerkirche
Die Dominikaner mussten ihre Klöster in Karakosch und Mosul aufgeben, würden aber sicher zurückkehren, wenn es die Sicherheitslage erlaubt, sagte P. Najeeb.
Viele Kirchen und Klöster seien freilich auch zerstört oder wurden in Moscheen umfunktioniert. „Aus unserer Dominikanerkirche in Mosul haben sie ein Gefängnis gemacht, in dem sie foltern“, berichtete der Ordensmann.
Die Christen hätten das Vertrauen in ihre muslimischen Mitbürger verloren. Diese hätten ihnen kaum gegen die IS-Terroristen geholfen und sich teilweise sogar an den Plünderungen und Vertreibungen beteiligt.

Kenia: Papst-Kritik an korrupte Eliten und Genitalverstümmelung

In seinem ersten öffentlichen Gottesdienst auf afrikanischem Boden beließ es der Papst nicht bei einem allgemeinen Plädoyer für die Familie. Stattdessen las er den Männern des Landes die Leviten und prangerte weibliche Genitalverstümmelung an.

In seiner Predigt rief er zu „Widerstand“ gegen Praktiken auf, „die die Arroganz von Männern fördern, Frauen verletzen oder missachten, die Alten ignorieren und das noch nicht geborene unschuldige Leben bedrohen“.
Die Genitalverstümmelung ist bei vielen Volksgruppen des Landes nach wie vor verbreitet. Nach UN-Angaben haben in Kenia 27 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 49 Jahren eine solche Verletzung erlitten.

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Begegnung mit Jugendlichen im Stadion Kasarani.

Verelendung der Massen
In scharfer Form hat Papst Franziskus auf seiner Afrikareise die Verelendung von Millionen Menschen angeprangert. Kleine Minderheiten konzen-trierten Macht und Reichtum bei sich und frönten egoistischer Verschwendung, während die wachsende Mehrheit in verwahrlosten und verseuchten Randzonen hausen müsse, sagte er am Freitag beim Besuch eines Armenviertels in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Der Not der Ausgeschlossenen stehe der zügellose Konsum einer „eingeschlummerten Wohlstandswelt“ gegenüber. „Ich weiß um die Schwierigkeiten, die ihr Tag für Tag durchmacht! Wie könnte ich die Ungerechtigkeiten, die ihr erleidet, nicht anprangern!“, so der Papst im Armenviertel Kangemi.

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Papst Franziskus besucht das Elendsviertel von Kangemi.  

Fotos: L‘Osservatore Romano.

Neuer Kolonialismus
Die Menschen litten unter überhöhten Mieten für schäbige Behausungen, dem Landaufkauf durch „gesichtslose ‚private Entwickler‘“ und fehlender Infrastruktur. Selbst grundlegende Einrichtungen wie Toiletten, Abwasserentsorgung, Müllabfuhr und Elektrizität, aber auch Schulen, Krankenhäuser und Sportzentren würden ihnen nicht gewährt. Vor allem der Zugang zu sauberem Trinkwasser sei ein fundamentales Menschenrecht. „Diese Welt lädt schwere soziale Schuld gegenüber den Armen auf sich, die keinen Zugang zum Trinkwasser haben, denn das bedeutet, ihnen das Recht auf Leben zu verweigern“, sagte Franziskus.
Die Not verschlimmere sich noch, wenn sich die organisierte Kriminalität in den Slums ausbreite, die Kinder und Jugendliche als „Kanonenfutter“ missbrauche. Die Armen Afrikas seien heute die Opfer eines neuen Kolonialismus, der behaupte, der Kontinent sei Teil einer gewaltigen Maschinerie.

„Seuche Korruption“ gibt es auch im Vatikan
Kenias Jugend hat Papst Franziskus aufgefordert, sich dem „süßen Geschmack der Korruption zu widersetzen“. Die „Seuche Korruption“ gebe es in allen Ländern „und auch im Vatikan“, sagte er am Freitag in einer improvisierten Ansprache vor mehreren zehntausend jungen Kenianern im Kasarani-Stadion von Nairobi. Bestechlichkeit raube den Menschen die Freude; sie lebten nicht mehr in Frieden. „Korruption ist kein Weg des Lebens, sie ist ein Weg des Todes“, so Franziskus.
Er rief die Jugendlichen Kenias auch auf, Spaltungen und Stammesdenken zu überwinden.

Der Turm von Babel und andere Mauern

Wie in der letzten JA-ausgabe angekündigt, publizieren wir hier die dritte Frage, die Papst Franziskus bei seinem Besuch der evangelisch-lutherischen Gemeinde vorgelegt wurde, und die vielsagende Antwort.

Dritte Frage:
Ich heiße Gertrud Wiedmer und komme aus der Schweiz. Ich bin die Kassenverwalterin unserer Gemeinde und engagiere mich sehr in unserem Projekt für die Flüchtlinge. Es trägt den Namen „Teddybär“ und damit unterstützen wir zirka 80 junge Mütter mit ihren kleinen Kindern, die aus Nordafrika nach Rom gekommen sind. Wir sehen das Elend. Wir versuchen, Hilfestellung zu leisten. Doch wissen wir auch, dass unsere Möglichkeiten ein Ende haben. Was können wir als Christen tun, damit die Menschen nicht resignieren oder nicht neue Mauern errichten?

Papst Franziskus:
Sie als Schweizerin, als Kassenverwalterin haben alle Macht in Ihrer Hand! Ein Dienst … Das Elend … Sie haben dieses Wort gesagt: Elend. Es fallen mir zwei Dinge zu sagen ein. Erstens, die Mauern. Der Mensch ist vom ersten Augenblick an – wenn wir die Schrift lesen – ein großer Erbauer von Mauern, die von Gott trennen.
Auf den ersten Seiten der Genesis sehen wir das. Und hinter den menschlichen Mauern steckt viel Fantasie, die Fantasie, wie Gott zu werden. Für mich ist der Mythos, um es mit den Fachausdrücken zu sagen, oder die Erzählung vom Turmbau zu Babel genau die Haltung der Männer und Frauen, die Mauern errichten, denn eine Mauer zu errichten heißt: „Wir sind die Mächtigen, ihr seid draußen.“
Aber in diesem „Wir sind die Mächtigen und ihr seid draußen“ liegt der Hochmut der Macht und die Haltung, die auf den ersten Seiten der Genesis vorgeschlagen wird: „Ihr werdet wie Gott“ (Gen 3,5). Eine Mauer zu bauen, um auszuschließen, geht in diese Richtung. Die Versuchung: „Wenn ihr von dieser Frucht esst, werdet ihr wie Gott.“
Bezüglich des Turmbaus zu Babel – vielleicht habt ihr mich das schon sagen hören, da ich es wiederhole, aber es ist sehr anschaulich – gibt es einen Midrasch, der um 1200, zur Zeit von Thomas von Aquin, vom Maimonides, mehr oder weniger zu dieser Zeit von einem jüdischen Rabbiner geschrieben wurde, der den Seinen in der Synagoge den Turmbau zu Babel erklärte, wo sich die Macht des Menschen spüren ließ.
Es war sehr schwierig, sehr kostspielig, denn man musste Lehm machen, und nicht immer war Wasser in der Nähe, Stroh suchen, die Masse anmachen und dann zuschneiden, die Ziegel trocknen lassen, sie dann im Ofen brennen, und am Ende stieg man hinauf und die Arbeiter nahmen sie … Wenn einer dieser Ziegel hinunterfiel, war es eine Katastrophe, denn sie waren ein Vermögen, sie waren teuer, sie kosteten. Wenn hingegen ein Arbeiter hinunterfiel, passierte nichts!
Die Mauer schließt immer aus, sie bevorzugt die Macht – in diesem Fall die Macht des Geldes, da der Ziegel kostete oder der Turm, der bis in den Himmel reichen wollte – und so schließt die Mauer immer die Menschheit aus. Die Mauer ist das Denkmal für den Ausschluss. Wie oft werden auch in uns, in unserem inneren Leben, der Reichtum, die Eitelkeit, der Stolz eine Mauer vor dem Herrn und entfernen uns vom Herrn. Mauern bauen. Das Wort, das mir jetzt einfällt, ein wenig spontan, ist jenes von Jesus: Was tun, um keine Mauern zu bauen? Dienst.
Übernimm die Rolle des Letzten. Wasche die Füße. Er hat dir das Beispiel gegeben. Dienst an den anderen, Dienst an den Brüdern, an den Schwestern, Dienst an den am meisten Bedürftigen. Mit diesem Werk der Unterstützung von 80 jungen Müttern baut ihr keine Mauern, sondern dient ihr. Der menschliche Egoismus möchte sich verteidigen; die eigene Macht verteidigen, den eigenen Egoismus verteidigen, aber durch dieses Verteidigen entfernt man sich von der Quelle des wahren Reichtums.
Am Ende sind die Mauern gleichsam ein Selbstmord, sie schließen dich ein. Und heute sehen wir es, das Drama… Mein Bruder Pastor hat heute Paris benannt: verschlossene Herzen. Es ist eine hässliche Sache, ein verschlossenes Herz zu haben. Auch der Name des Herrn wird gebraucht, um die Herzen zu verschließen. Sie haben mich gefragt: „Wir versuchen, Hilfe zu bieten. Doch wissen wir auch, dass unsere Möglichkeiten ein Ende haben. Was können wir als Christen tun, damit die Menschen nicht resignieren oder nicht neue Mauern errichten?“ Klar reden, beten – das Gebet ist nämlich stark – und dienen, ja, und dienen.
Eines Tages wurde Mutter Teresa von Kalkutta gefragt: „Aber all diese Mühe, die Sie tun, nur um diese Menschen, die drei, vier Tage vor ihrem Tod stehen, in Würde sterben zu lassen, was ist das?“ Es ist ein Tropfen Wasser im Meer, aber danach ist das Meer nicht mehr das gleiche. Durch das Dienen stürzen immer die Mauern von allein ein; doch unser Egoismus, unser Wunsch nach Macht sucht sie zu errichten. Ich weiß es nicht, das kommt mir in den Sinn zu sagen. Danke.

Vor 50 Jahren endete das Zweite Vatikanische Konzil

Vor 50 Jahren – am 8. Dezember 1965 – ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Es wurde von Papst Paul VI. feierlich beendet, war die größte Kirchenversammlung in einer 2.000-jährigen Geschichte der Kirche und das 21. und bisher letzte ökumenische Konzil der katholischen Kirche.

Drei Jahre hatten insgesamt 2.850 Konzilsväter über eine Reform der Kirche gerungen. Der Wunsch nach Öffnung, nach einem neuen Anfang in die heutige Zeit hinein, nach Überwindung festgefahrener Mechanismen bestimmte mit atemberaubender Dynamik die Beratungen.
Ihr Ergebnis sind insgesamt 16 Dokumente, die bis heute Richtschnur und Quelle der Inspiration für die Kirche und die Gläubigen gleichermaßen sind und um deren Verständnis und Verwirklichung nach wie vor gerungen wird.
Das Konzil wollte die Kirche durch eine Reform ihrer Strukturen in eine neue Zeit führen und den Weg für die Einheit der getrennten Christen ebnen.
Die Umsetzung von Konzilen dauert in der Regel mehrere Jahrzehnte und ist auch für das Zweite Vaticanum längst noch nicht abgeschlossen.
Krätzl in St. Pölten
Am 9. Dezember um 19 Uhr hält der seinerzeitige Konzilsmitarbeiter und emeritierte Weihbischof von Wien Helmut Krätzl einen Vortrag über „Die Kirche 50 Jahre nach dem Konzil“ im St. Pöltener Bildungshaus St. Hippolyt.

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Weihbischof Helmut Krätzl.

Er spricht darüber, was von den beschlossenen Texten und vom Geist des Konzils in den letzten 50 Jahren verwirklicht worden ist und was immer noch schmerzlich vermisst werden muss.
1998 veröffentlichte Krätzl sein Buch „Im Sprung gehemmt. Was mir nach dem Konzil noch alles fehlt“.