Inhalt der gedruckten Ausgabe 43/2015

Leitartikel

Wer braucht Barmherzigkeit?

Zum Sonntag

Schrifttexte

Gedanken zum Sonntag

Eleonore Rosenberg
Studienrätin i.R.
Heilbronn, Deutschland

Information

Fünf Argumente gegen die Synode: „Zum Scheitern verdammt”

Vielleicht kann Papst Franziskus bei der Bischofssynode ein Wunder bewirken, doch die Wahrscheinlichkeitsrechnung spricht gegen ihn, schreibt der prominente US-Journalist und Jesuitenpater Thomas Reese (70) in „National Catholic Reporter”. Der 70-jährige-Ordensmitbruder des Papstes nennt fünf Gründe, warum die Synode „zum Scheitern verdammt ist”.

Frauenbuch für Synodenväter

Die in Rom versammelten Synodenväter sollten wissen, wie katholische Frauen ticken. Das dachten zur gleichen Zeit mehrere Katholikinnen aus dem angelsächsischen Raum – und legten prompt zur Synode ein Buch mit kurzen Texten vor, in denen Frauen schreiben, was sie beschäftigt, womit sie in der katholischen Lehre klar kommen und womit nicht.

Synode: Zweite Tagungswoche

27 Novizinnen in Österreich

In Österreich gibt es derzeit 27 Novizinnen in den 105 Frauenorden.

Kubas „Frauen in Weiß“ bitten Kardinal Ortega um Hilfe

Die kubanische Bürgerrechtsbewegung „Frauen in Weiß“ hat den Erzbischof von Havanna um Hilfe für drei während des Papstbesuchs inhaftierte Regimekritiker gebeten.

Vatikan-Flagge vor UNO-City Wien

Die Flagge des Heiligen Stuhls weht seit 12. Oktober vor der UNO-City in Wien und seit 13. Oktober vor dem Sitz der Ver­ein­ten Nationen in Genf. Ebenfalls gehisst wurde die palästi­nen­sische Fahne.

Budgetrede: Kirche beklagt weiteren Entwicklungshilfe-Tiefstand

Enttäuscht über die „Prolongierung des historischen Tiefstandes“ bei Österreichs Entwicklungshilfe hat sich die Koordi­nie­rungsstelle der Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission (KOO) geäußert.

Renaissance-Kardinal mit Interesse am Koran

In der Vatikanischen Bibliothek sind bisher unbekannte Notizen des Renaissance-Kardinals Nikolaus von Kues (1401-64) entdeckt worden. Das meldet die Vatikanzeitung „L´Osser­vatore Romano“.

Deutschsprachige Synodengruppe zeigt Weg zur Einigung auf
Fanden Müller und Kasper ein gemeinsames theologisches Fundament?

Der britische Kardinal Vincent Nichols hat bei der Bischofssynode über die Familie die theologische Qualität der von Kardinal Christoph Schönborn geleiteten deutschen Sprachgruppe gelobt.

Beschwerdebrief von 13 Kardinälen

Dreizehn prominente konservative Kardinäle haben sich zu Beginn der Synode in einem Brief an Papst Franziskus darüber beschwert, dass der Ausgang der Bischofssynode über die Familie möglicherweise nicht offen sei.

Synode hat drei Optionen

Wie wird sich die Bischofssynode am Ende der dritten und letzten Beratungswoche zum Thema „Wiederverheiratete Geschiedene“ äußern? Es gibt drei Optionen, zitierte Synodensprecher Bernd Hagenkord einen Synodenteilnehmer.

Synode: „Nur Ordensmänner stimmberechtigt, keine Ordensfrauen“

Eine unzureichende Beteiligung von katholischen Ordensfrauen an der Bischofssynode über Ehe und Familie hat der deutsche Benediktinerabt Jeremias Schröder kritisiert.

Glaube an Gott ist für junge deutsche Muslime doppelt so wichtig als für junge Christen

Während sich in Deutschland immer mehr Jugendliche auf traditionelle Werte besinnen, verlieren die christlichen Religionen weiter an Bedeutung. Das belegt die Shell-Studie 2015.

Ausbau von fünf Wiener Ordensspitälern zu Fachkliniken

Die Wiener Krankenhäuser der Vinzenz Gruppe werden in den kommenden Jahren zu Fachkliniken umgewandelt. Bis 2020 soll das Profil der bisherigen Standorte geschärft und die Aus­rich­tung auf klar definierte Krankheitsbilder spezialisiert werden, gab Geschäftsführer Michael Heinisch am Donnerstag bei einem Pressegespräch in Wien bekannt.

Flüchtlingshilfe: Caritas ab sofort im Lager Traiskirchen vor Ort

Die Caritas versorgt ab sofort in Traiskirchen Flüchtlinge nicht mehr nur vor sondern auch im Lager selbst.

Patriarchen fordern bei der Synode eine Bodenoffensive gegen IS

Die Interviews und Appelle der beiden Patriarchen Louis Raphael Sako (Bagdad) und Ignatius Yousef Younan (Beirut) bei der Bischofssynode in Rom haben ein großes Echo ausgelöst.

Slowakei: Ehrung für Wiener, der in KP-Zeit 15.000 Bücher geschmuggelt hat

Die Slowakei hat am 24. September in Bratislava einigen Personen der ehemaligen „verborgenen Kirche“ eine staatliche Auszeichnung verliehen.

Prinz Hassan: Nahostchristen brauchen „humanitären Schutz“

Bei einer Buchpräsentation im nordisraelischen Akko hat der jordanische Prinz Hassan bin Talal „humanitären Schutz“ für die Christen im Nahen Osten gefordert. Das berichtete die Stiftung „Pro Orie­nte“.

Besuch bei den Kindern der von IS-Terroristen getöteten 21 Christen

Die Bilder der 21 Christen, die im Februar von Terroristen des „Islamischen Staats” enthauptet wurden, haben sich tief in das Gedächtnis des christlichen Ägypten eingebrannt. Niemand kann die Aufnahmen der an einem libyschen Strand in orangenen Overalls vor ihren schwarz vermummten Mördern knienden Männer vergessen.

Papst Franziskus bekennt: Ich schlafe beim Beten gelegentlich ein

Papst Franziskus schläft nach eigenem Eingeständnis beim Be­ten gelegentlich ein. „Aber das macht nichts. Ich bin wie ein Sohn beim Vater, und das ist wichtig“, schreibt er in einem sehr persönlich gehaltenen Vorwort für die neue „Youcat“-Ju­gendbibel, die von der Österreichischen Bischofskonferenz herausgegeben wird.

Leitartikel

Wer braucht Barmherzigkeit?

Die „Römischen Chaostage“ gehen am 28. Oktober zu Ende. Bei der Familiensynode hätten, analysiert „Christ & Welt“,  mittlerweile auch die beteiligten Bischöfe den Überblick verloren: „Die Konservativen fühlen sich benachteiligt, den Reformern fällt kaum mehr ein, als auf den Papst zu hoffen.“
Letztere bemühen gebetsmühlenartig das Wort „Barmherzigkeit“.
Doch wer braucht diese am meisten? Geschiedene Wiederverheiratete oder die Synodenväter selbst?
Bei der Unauflöslichkeit der Ehe zitiert man Jesus gern, aber sonst?
„Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher ins Reich Gottes.“  Wen interessiert das im prunkvollen Tagungsraum?
Beim Kreuz Jesu standen nur Frauen, als erste Zeuginnen der Auferstehung wurden sie gehört, bei der Synode ist keine stimmberechtigt.
Die „Väter“ betonen das Kindeswohl und werfen Priester, die Kinder bekommen, gnadenlos aus dem Amt.
Jesus stellt dem Pharisäer („Danke, dass ich nicht so wie die anderen bin, die Räuber, Betrüger und Ehebrecher!“) den reumütigen Zöllner gegenüber, der betete: „Gott sei mir armen Sünder gnädig!“. Jesus: „Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht.“ (vgl. Lk 18,9-14).
Wollen die „Väter“ als Gerechte von Rom heimfahren?

P.Udo

 

 

Schrifttexte

Erste Lesung:   Jer 31, 7-9

Blinde und Lahme, tröstend geleite ich sie heim

So spricht der Herr: Jubelt Jakob voll Freude zu, und jauchzt über das Haupt der Völker! Verkündet, lobsingt und sagt: Der Herr hat sein Volk gerettet, den Rest Israels. Seht, ich bringe sie heim aus dem Nordland und sammle sie von den Enden der Erde, darunter Blinde und Lahme, Schwangere und Wöchnerinnen; als große Gemeinde kehren sie hierher zurück. Weinend kommen sie, und tröstend geleite ich sie. Ich führe sie an wasserführen-de Bäche, auf einen ebenen Weg, wo sie nicht straucheln. Denn ich bin Israels Vater, und Efraim ist mein erstgeborener Sohn.

Zweite Lesung:   Hebr 5, 1-6

Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks

Jeder Hohepriester wird aus den Menschen ausgewählt und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott, um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen. Er ist fähig, für die Unwissenden und Irrenden Verständnis aufzubringen, da auch er der Schwachheit unterworfen ist; deshalb muss er für sich selbst ebenso wie für das Volk Sündopfer darbringen. Und keiner nimmt sich eigenmächtig diese Würde, sondern er wird von Gott berufen, so wie Aaron. So hat auch Christus sich nicht selbst die Würde eines Hohenpriesters verliehen, sondern der, der zu ihm gesprochen hat: Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt, wie er auch an anderer Stelle sagt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.

Evangelium:   Mk 10, 46-52

Rabbuni, ich möchte wieder sehen können

In jener Zeit als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.

 

Gedanken zum Sonntag

Eleonore Rosenberg Studienrätin i.R. Heilbronn, Deutschland

Eleonore Rosenberg
Studienrätin i.R.
Heilbronn, Deutschland

Menschen, die zupacken

Wenn die Menschen aus aller Herren Länder die Verheißungen Jeremias lesen, dann müssen sie glauben, dass Gott alles gut machen kann. Und wir sind die Hände Gottes. Als Glaubende können wir uns schwer der Erkenntnis verschließen, dass wir tatsächlich gefragt sind. Was immer in den Menschenschicksalen sichtbar wird, betrifft uns. Der Geist Gottes gibt uns ein, wie wir zu handeln haben. Das Gewissen treibt uns an, tatsächlich Hand anzulegen und etwas zu tun. Wenn diese Woche Menschen „heim“ kommen in unser Land und Ruhe und Frieden suchen, „Blinde und Lahme, Schwangere und Wöchnerinnen“ können wir da Augen, Herzen, Türen und Geldbörsen verschließen und dann am Sonntag beten und singen, Dank sagen, Eucharistie feiern?
Zuerst ist unser Dienst an den Menschen gefragt, bei denen, die unsere Hilfe brauchen: in der Bibel immer auch die Fremden, die Armen, die Heimatlosen,…
Ein Mann, der erzürnt war, über die neu aufgezogenen Stacheldrähte, die Flüchtlinge aufhalten sollten, hat uns kontaktiert. Er hat aus einem fernen Land eine respektable Summe Geldes geschickt. Damit konnten Winterjacken und Schuhe für eine Flüchtlingsgruppe gekauft werden. Den Rest bekommen die Kinder einer Flüchtlingsfamilie, damit sie – kaum angekommen – am kommenden Montag zur Schule gehen können. Sie werden begeistert Deutsch lernen und alle Dinge in die Schultasche packen, die sie bekommen haben: Buntstifte, Füllfeder, Hefte, Turnsachen, Hausschuhe und das Geld fürs Mittagessen.
Ich freue mich über die Menschen, die zupacken, ihre Wohnungen öffnen, leer stehende Häuser zur Verfügung stellen, einfach tun, was Jesus auch getan hätte: Erbarmen haben.

 

Information

Frauenbuch für Synodenväter

Die in Rom versammelten Synodenväter sollten wissen, wie katholische Frauen ticken. Das dachten zur gleichen Zeit mehrere Katholikinnen aus dem angelsächsischen Raum – und legten prompt zur Synode ein Buch mit kurzen Texten vor, in denen Frauen schreiben, was sie beschäftigt, womit sie in der katholischen Lehre klar kommen und womit nicht.

Das Buch heißt „Catholic Women speak“, lag im Eingangsbereich zur Synode aus und fand dort, wie zu erfahren war, hervorragenden Absatz. Jeder Synodenvater sollte ein Exemplare erhalten – alle bis auf zwei gingen weg, berichtet Radio Vatikan.
Treibende Kraft hinter „Catholic Women speak“ war die an der Londoner Universität Roehampton lehrende Theologin Tina Beattie.

Professorin Tina Beattie.

Professorin Tina Beattie.

Im Buch vertreten sind einige der bekanntesten internationalen Theologinnen wie Elizabeth Johnson, Margaret Farley und die aus Deutschland stammende Ursula King, außerdem Theologinnen aus Chile, Argentinien, Südafrika, Nigeria, Philippinen, Nordamerika, Europa – und eine große Zahl von Katholikinnen, die ihre persönlichen Geschichten auf sehr aufrichtige Weise erzählen. Da geht es um Erfahrungen mit künstlicher Verhütung und natürlicher Familienplanung, um Scheidung, Wiederheirat oder homosexuelle Liebe. Die beiden größten Streitthemen wie Abtreibung oder die von einigen Theologinnen geforderte Priesterweihe für Frauen kommen in dem Buch nicht vor, um die Wahrnehmung der anderen Themen nicht zu beeinträchtigen.

Deutschsprachige Synodengruppe zeigt Weg zur Einigung auf
Fanden Müller und Kasper ein gemeinsames theologisches Fundament?

Der britische Kardinal Vincent Nichols hat bei der Bischofssynode über die Familie die theologische Qualität der von Kardinal Christoph Schönborn geleiteten deutschen Sprachgruppe gelobt.

Deren Stellungnahme zum zweiten Teil des Synoden-Arbeitspapiers habe den stärksten wissenschaftlich-theologischen Gehalt aller 13 Vorträge besessen, sagte er nach der Veröffentlichung der Texte am 14. Oktober im Vatikan.

Kardinal Vincent Nichols.

Kardinal Vincent Nichols.

Bemerkenswert fand der Erzbischof von Westminster nicht ohne Grund auch, dass die Stellungnahme einstimmig beschlossen wurde. Denn mit den Kardinälen Walter Kasper, Reinhard Marx sowie Christoph Schönborn auf der einen Seite und dem Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, auf der anderen sind in dieser Gruppe prominente Wortführer in der Debatte über eine Aktualisierung der kirchlichen Ehelehre vertreten.

Allgemeine Norm, konkrete Situation
Die anderthalbseitige deutschsprachige Stellungnahme zum zweiten Teil des Arbeitspapiers der Synode ist eine theologische Abhandlung auf höchstem Niveau. Sie kreist um die Frage: Wie verhalten sich Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, Seelsorge und kirchliche Lehre, konkrete Situation und allgemeine Norm zueinander.
Wer hat sich nun durchgesetzt, Kardinal Kasper, der Vordenker eines Wegs der Barmherzigkeit“ oder Kardinal Müller, der bislang auf eine strikte Anwendung des Unauflöslichkeitsprinzips für die Ehe pochte? Diese Frage stellten sich viele Beobachter.

Mittelalterlicher Theologe soll helfen
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die theologische Schlüsselstelle des Textes, in der Thomas von Aquin (1225-1274) zitiert wird. Kasper veröffentlichte im Juni einen Aufsatz, in dem er seinen Vorschlag, im Einzelfall wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zuzulassen, just mit diesem bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenlehrer umfassend theologisch untermauerte. Seine damalige Argumentation findet sich nun in verkürzter Form in der Stellungnahme wieder.
Die Kernaussage des Papiers lautet: Man darf nicht jede konkrete Situation einfach nach einem allgemeinen Prinzip beurteilen ohne die jeweiligen Umstände angemessen zu würdigen. Denn Gerechtigkeit und Barmherzigkeit seien keine Gegensätze, sondern müssten „mit Klugheit und Weisheit“ auf die jeweilige, oft komplexe Situation angewendet werden.
Die deutschsprachige Gruppe betont zugleich, dass ein „Spannungsverhältnis“ zwischen einer „notwendigen Klarheit der Lehre von Ehe und Familie“ und der seelsorgerischen Aufgabe „unausweichlich“ sei.

Polnische Bischöfe bleiben bei Nein 
Die polnischen Bischöfe bleiben bei ihrem Nein zu einer Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion, machte der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki bei der gleichen Pressekonferenz klar.
Die Geschiedenen könnten ohnehin „an zahlreichen kirchlichen Aktivitäten teilnehmen, in der Bildungsarbeit, der Caritas, beim Hören auf das Wort Gottes und durch die Teilnahme an der Messe.“

Prinz Hassan: Nahostchristen brauchen „humanitären Schutz“

Bei einer Buchpräsentation im nordisraelischen Akko hat der jordanische Prinz Hassan bin Talal „humanitären Schutz“ für die Christen im Nahen Osten gefordert. Das berichtete die Stiftung „Pro Orie­nte“.

Prinz Hassan bin Talal.

Prinz Hassan bin Talal.

Hassan bin Talal ist seit Jahrzehnten im interreligiösen Dialog engagiert, war u.a. mit dem Wiener Kardinal und Konzilsvater Franz König in Kontakt und leitet das jordanische „Royal Institute of Interfaith Studies“.
Bei der Vorstellung eines Buches über die Geschichte der arabischen Christen – Autor ist der melkitische griechisch-katholische Kirchenhistoriker George Agapios Abu Saada, der an der melkitischen St. Elias-Kathedrale in Haifa tätig ist – erinnerte der Haschemitenprinz daran, dass das Christentum im Nahen Osten kein „westliches Importgut“ sei.
Es gebe jedoch manche – sowohl im Westen als auch in der arabischen Welt -, die dies meinten. Vielmehr lägen die Ursprünge des Christentums im Orient, das Christentum habe wesentlich auch zur Ausformung der arabischsprachigen Kultur und Zivilisation beigetragen.
Bei der Vorstellung im „Orthodox Club“ von Akko beklagte Pfarrer Abu Saada das allgemeine Schweigen der muslimischen Welt angesichts von Gewalt und Diskriminierung gegen Christen im Nahen Osten. Bisher habe keine islamische religiöse Autorität ein eindeutiges religiöses Urteil („fatwa“) verkündet, das die Ermordung von Christen und anderen Nichtmuslimen ausdrücklich verbietet.

Besuch bei den Kindern der von IS-Terroristen getöteten 21 Christen

Die Bilder der 21 Christen, die im Februar von Terroristen des „Islamischen Staats” enthauptet wurden, haben sich tief in das Gedächtnis des christlichen Ägypten eingebrannt. Niemand kann die Aufnahmen der an einem libyschen Strand in orangenen Overalls vor ihren schwarz vermummten Mördern knienden Männer vergessen.

Das von den Dschihadisten verbreitete Video zeigt mit aller Grausamkeit jedes Detail ihrer brutalen Ermordung. Längst sind die Männer, die sich in Libyen als Gastarbeiter aufhielten, von ihrer koptisch-orthodoxen Kirche als Märtyrer anerkannt und hoch verehrt.

Präsident baut Gedenkkirche
In dieser Woche wurde damit begonnen, die Fundamente einer Kirche zu Ehren der Märtyrer auszuheben. Ägyptens Staatspräsident Sisi – er selbst ein Moslem – hat ihren Bau angeordnet. Sie wird in der koptisch-orthodoxen Diözese Samalut gebaut, aus der die meisten Märtyrer stammen. Alle, bis auf Matthew, ein Mann aus Ghana, waren Ägypter.

Märtyrer waren stärker
Bischof Paphnutius ist Bischof von Samalut. „Wir sind sehr stolz auf unsere Märtyrer“, sagt er, als er Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisation “Kirche in Not” in seinem Bischofssitz etwa drei Autostunden südlich von Kairo empfängt. „Sie mussten zwar vor ihren Mördern knien. Aber sie waren die Stärkeren. Ihre Mörder waren die Schwächeren, trotz ihrer Waffen. Warum sonst würden sie ihre Gesichter vermummt haben? Doch nur, weil sie Angst hatten”, ist er überzeugt. „Unsere Söhne hingegen waren sehr stark und haben den Namen unseres Herrn bis zum letzten Atemzug angerufen.”

Bischof Paphnutius mit Familienmitgliedern von durch IS-Terroristen getöteten Christen. Foto: Kirche in Not.

Bischof Paphnutius mit Familienmitgliedern von durch IS-Terroristen getöteten Christen.
Foto: Kirche in Not.

Auch Muslime sind stolz
Bischof Paphnutius deutet ihr Martyrium geistlich. „Die Kirche weiß seit jeher, dass das Blut der Märtyrer der Samen der Christen ist. Das ist in diesem Fall nicht anders. Und es wird so bis ans Ende der Zeiten sein”, meint er. „Von Alexandria bis Assuan, in ganz Ägypten wurde der Glaube der Christen stärker. Auch Moslems von überall haben uns gesagt, dass sie stolz sind. Unsere Märtyrer hätten gezeigt, dass wir Ägypter sehr stark sind. Ihr Tod erfüllt uns alle, Christen und Moslems, mit Stolz.”

Für Jesus entschieden
Der Bischof erinnert sich an die bange Zeit zwischen Entführung der Gastarbeiter und ihrer Ermordung.
„Wir haben vierzig, fünfzig Tage lang gebetet, dass sie den Glauben nicht verleugnen. Sie hätten ja zum Islam konvertieren und dadurch ihr Leben retten können. Sie haben sich aber trotzdem für Jesus entschieden und den Tod in Kauf genommen.”

Den Mördern vergeben
Bestattet werden konnten die Männer nicht. „ISIS hat gesagt, dass sie die toten Leiber unserer Märtyrer ins Meer geworfen haben.”
Damit, so der Bischof, hätten die Dschihadisten rächen wollen, dass der Leichnam des Al-Kaida-Chefs Osama Bin Laden von den Amerikanern 2011 ebenfalls ins Meer geworfen worden sei.
Hass auf die Mörder empfindet Bischof Paphnutius dennoch nicht. „Wir halten es mit den Mördern wie der Erzdiakon Stephanus. Er bat den Herrn um Vergebung für seine Mörder, die nicht gewusst hätten, was sie taten.”

Hilfe für Witwen und Waisen
Doch die Folgen des Verbrechens sind bis heute spürbar. Die Märtyrer haben schließlich Witwen und Waisen zurückgelassen.
„Dank großzügiger Spender können wir uns um die Hinterbliebenen kümmern”, erklärt Bischof Paphnutius.
Die Mitarbeiter von „Kirche in Not“ konnten einige der verwaisten Kinder treffen. Das starke Glaubenszeugnis der Väter geht auf ihre Kinder über. Ruhig und gefasst berichten sie über ihre Väter.

„Mein Vater ist im Himmel“
Die 14-jährige Ingy Tawadros ist eines der drei Kinder des ermordeten Tawadros Youssef Tawadros. Von ihm heißt es, dass er wegen seines leicht erkennbaren christlichen Namens in Libyen viele Schwierigkeiten gehabt habe.
Er sei oft gebeten worden, seinen Namen zu ändern. „Wer seinen Namen ändert, ändert am Ende auch seinen Glauben“, erklärte er ablehnend. Neben Ingy sitzen ihre beiden Brüder. Der Kleine ist nicht älter als sechs. „Ich bin stolz auf meinen Vater”, sagt sie. „Nicht nur wegen mir, sondern weil er der ganzen Kirche Ehre gemacht hat. Er hat den Glauben nicht verleugnet. Das ist etwas Wunderbares. Wir beten für die Täter, dass sie sich bekehren.”
Doch so sehr die Kinder den Verlust ihrer Väter auch im Glauben tragen: Einige haben Tränen in den Augen, während sie berichten.
„Mein Vater ist im Himmel”, meint ein anderes Mädchen. „Ich bin aber trotzdem traurig. Denn das ist so weit weg.”