Inhalt der gedruckten Ausgabe 40/2015

Leitartikel

„Der Störer vom Dienst“

Zum Sonntag

Schrifttexte

Gedanken zum Sonntag

Mag. Dr. Michaela Moser
FH-Dozentin
St. Pölten

Information

US-Kongress: Papst ruft zu Kampf gegen Armut, Hunger, Krieg auf und verstört mit „Vorbildern“ konservative Politiker und Katholiken

Papst Franziskus hat am 24. September als erstes katholisches Oberhaupt der Geschichte vor dem Kongress in Washington gesprochen.

PI erhielt Empfangsbestätigung ihres Briefes an den Papst

Richard Picker +

In Wien ist am 16. September der Publizist, Psychotherapeut und laisierte Priester Richard Picker im 83. Lebensjahr gestorben.

Moskauer Großmoschee eröffnet

Im Beisein von Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin ist in Moskau am Mittwoch eine der größten Moscheen Europas eröffnet worden.

Kardinal Kasper: Bin der „bevorzugte Prügelknabe“

Kurienkardinal Walter Kasper sieht den gegenwärtigen Richtungsstreit in der katholischen Kirche in Ehe- und Familienfragen gelassen.

Teams aus Mexiko gewinnen soziale Straßenfußball-WM

Mexiko ist Sieger des „Home­less-World-Cup 2015“. Die Streetsoccer-Teams aus dem lateinamerikanischen Land entschieden am Samstagabend in Amsterdam die Finalspiele der diesjährigen sozialen Straßenfußball-WM sowohl bei den Frauen als auch bei den Män­nern für sich.

Alt-Erzbischof Georg Eder +

Alt-Erzbischof Georg Eder ist am 19. September in seiner Heimatgemeinde Mattsee verstorben. Er stand von 1989 bis 2003 an der Spitze der Salzburger Erzdiözese.

Aus der Ansprache von Papst Franziskus vor dem US-Kongress

Franziskus besuchte die USA als ein „Sohn von Einwanderern“

Zum Auftakt seiner USA-Reise hat Papst Franziskus zum Aufbau einer sozial und ökologisch gerechten Welt aufgerufen.

UNO: Papst ruft Staatschefs zu Einsatz gegen Umweltzerstörung und für „Ausgeschlossene“ auf

Papst Franziskus hat am 25. September in einer Rede vor den Vereinten Nationen in New York, bei der mehr als 120 Staats- und Regierungschefs zuhörten, zu stärkerem Einsatz zur Inklusion der Armen in die Gesellschaft und zur Schaffung sozialer Gerechtigkeit aufgerufen.

Papst lobt von Rom gemaßregelte Ordensfrauen

Nach dem Streit zwischen dem Vatikan und den amerikanischen Frauenorden hat Papst Franziskus bei einem Gottesdienst am 24. September in New York den Ordensfrauen ausdrücklich für ihren Dienst in der Kirche gedankt.

Papst besuchte Ordensfrauen, die sich mit Obama anlegen

Papst Franziskus hat am zweiten Tag seiner USA-Reise in Washington jenseits des offiziellen Programms die Niederlassung eines katholischen Frauenordens besucht, der gegen die Ge­sundheitsreform von Präsident Barack Obama geklagt hat.

Papst prangert in den USA die Obdachlosigkeit an

Papst Franziskus hat in den USA die Not von Obdachlosen angeprangert. „Wir können keine gesellschaftliche oder moralische Rechtfertigung, überhaupt keine Rechtfertigung finden, um das Fehlen von Unterkünften hinzunehmen“, sagte er am Donnerstag beim Treffen mit Obdachlosen in einem Caritas-Zentrum in der US-Hauptstadt Washington.

Papst sprach den Gründer von San Francisco heilig

Papst Franziskus hat am 23. September in der US-Hauptstadt Washington den spanischen Missionar Junipero Serra (1713-1784) heiliggesprochen. Der Franziskanerpater wird als Stadtgründer von San Francisco und anderer Städte im Bundesstaat Kalifornien verehrt.

Papst ruft in Kuba zu Freiheit und Versöhnung auf

Zum Auftakt seiner vier­tägigen Kuba-Reise hat Papst Franziskus zu Freiheit, Dialog und der Achtung der Menschenwürde aufgerufen.

US-Vorbild I: Der spirituelle Lehrmeister Thomas Merton

Thomas Merton wurde 1915 in Prades (Frankreich) geboren. Seine Mutter Ruth war Innendekorateurin, sein Vater Owen angesehener Künstler. Als er sechs war, starb die Mutter. Danach wuchs er in britischen und französischen Internaten auf.

US-Vorbild II: Dorothy Day – Ex-Kommunistin und Heilige in spe?

Dorothy Day wurde 1897 in New York als Tochter eines Sportreporters geboren. Sie graduierte mit 16 Jahren an der Robert Waller High School und gewann ein Stipendium der University of Illinois, wo sie Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas wurde. Als Journalistin schrieb sie für linke Blätter.

Papst aus dem Jesuitenorden traf Jesuitenschüler Fidel Castro

Papst Franziskus ist am zweiten Tag seines Kuba-Besuchs in Havanna mit dem ehemaligen Revolutionsführer Fidel Castro zusammengetroffen.

Leitartikel

„Der Störer vom Dienst“

Für die Bekämpfung von Armut und gegen den Klimawandel, für Dialog und gegen Waffenhandel und Todesstrafe. Der Papst hat vor dem US-Kongress Themen angesprochen, die im „Land der Träume“ mehrheitsfähig sind, oder auch gar nicht.
Die New Yorker Zeitung „Daily News“ nannte ihn einen „Oberhofnarren.“ Hofnarren waren jedoch im Mittelalter bekanntlich fast die einzigen, die es wagten, Wahrheiten klar auszusprechen…
Der Papst-Auftritt machte im Vorfeld die Demokraten hoffnungsvoll und die Republikaner nervös. Das war auch an den Händen ihrer beiden höchsten Vertreter bei der Ansprache abzulesen.
Das nervöse Fingerspiel von John Boehner sprach Bände. Tags darauf trat der konservative Chef-Republikaner zurück – auf Druck einer noch konservativeren Parteifraktion…
Doch auch in Rom wird man nervös geworden sein. In New York würdigte Franziskus die unter Benedikt XVI. gemaßregelten Ordensfrauen als „starke Frauen“ und mutige Kämpferinnen an der vordersten Front der Verkündigung des Evangeliums.
Vor dem Kongress rühmte er Thomas Merton, einst Novizenmeister von Ernesto Cardenal, den Johannes Paul II. 1983 in Managua in aller Öffentlichkeit gerügt hatte.
Das „Wall Street Journal“ nannte Franziskus „den Störer vom Dienst“. Er ist es wirklich, in Politik und Kirche. Ganz so wie der Mann aus Nazareth.

P. Udo

 

 

Schrifttexte

Erste Lesung:   Gen 2, 18-24

Und sie werden ein Fleisch

Gott, der Herr, sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht. Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen; denn vom Mann ist sie genommen. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch.

Zweite Lesung:   Hebr 2, 9-11

Er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle von Einem ab

Schwestern und Brüder!
Den, der nur für kurze Zeit unter die Engel erniedrigt war, Jesus, ihn sehen wir um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt; es war nämlich Gottes gnädiger Wille, dass er für alle den Tod erlitt. Denn es war angemessen, dass Gott, für den und durch den das All ist und der viele Söhne zur Herrlichkeit führen wollte, den Urheber ihres Heils durch Leiden vollendete. Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle von Einem ab; darum scheut er sich nicht, sie Brüder zu nennen.

Evangelium:   Mk 10, 2-16

Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen

Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.
Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.
Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.

 

Gedanken zum Sonntag

Mag. Dr. Michaela Moser FH-Dozentin St. Pölten

Mag. Dr. Michaela Moser
FH-Dozentin
St. Pölten

Die Flüchtenden sind unsere Geschwister

Vor etwa vier Wochen stand ich mit vielen anderen am Wiener Westbahnhof, um Menschen auf der Flucht in Österreich willkommen zu heißen. Es waren unvergessliche Stunden.
Auf den Bahnsteigen ankommende Züge mit vielen Hunderten Menschen, die seit Tagen und Wochen auf der Flucht waren, und erschöpft, müde, und hoffentlich auch ein wenig erleichtert, ausstiegen.
Am Ende der Bahnsteige, in den Ankunftshallen und auf den Vorplätzen des Bahnhofs die vielen Menschen, die Hilfe brachten. Von allen Seiten, so schien es, strömten sie herbei. Mit Einkaufswägen voller Wasser, Brot und Bananen, Taschen voller Schuhe und Kleidung, mit Spielsachen und Rücksäcken, Decken und Schlafsäcken und vielem anderem, das den Reisenden hilfreich und notwendend sein könnte. Dazwischen Sanitäter*innen, ÖBB-Mitarbeiter*innen und Polizist*innen und freiwillige Übersetzer*innen, Junge und Ältere, Männer und Frauen. Es war ein Gewusel des Miteinanders wie des der Bahnhof wohl noch nie gesehen hat.
Die Frage „Was sollen wir tun?“ die sich immer wieder auch durch biblische Texte zieht, schien plötzlich ganz leicht zu beantworten: Herkommen und helfen.
Die Ankommenden als Menschen „erkennen“, als Würde-träger*innen, gleichen Ursprungs wie wir und Ebenbild Gottes und also als unsere Geschwister, wie es auch der Hebräerbrief nahelegt. Uns ihnen zuwenden und für sie einstehen, konkrete Hilfe anbieten, seien es Sach- oder Geldspenden, die  Zurverfügungstellung von Wohnraum, freundliche Worte, ein Lächeln. Ihre Rechte und ihre Würde verteidigen, gegenüber jenen, die diese in Frage stellen, die sie beschimpfen, verunglimpfen oder ihnen sogar mit Gewalt begegnen. Gegenüber Behörden, die sie im Stich lassen. An ihrer Seite stehen und ihnen – so wie es viele seit Wochen an Bahnhöfen und an anderen Orten konkret tun – zeigen: Ihr seid willkommen!
Viele Infos für alle, die helfen möchten, gibt es u.a. bei HELFEN. WIE WIR.

 

Information

US-Kongress: Papst ruft zu Kampf gegen Armut, Hunger, Krieg auf und verstört mit „Vorbildern“ konservative Politiker und Katholiken

Papst Franziskus hat am 24. September als erstes katholisches Oberhaupt der Geschichte vor dem Kongress in Washington gesprochen.

US-Präsident Barack Obama begrüßt Papst Franziskus.  Foto: L‘Osservatore Romano.

US-Präsident Barack Obama begrüßt Papst Franziskus.
Foto: L‘Osservatore Romano.

Als „Vorbilder“ stellte er den 535 Politikern – ein einziger boykottierte die Rede – vier US-Amerikaner vor Augen: Abraham Lincoln (1809-1865), den ersten Präsidenten aus der Republikanischen Partei und Abschaffer der Sklaverei, den Baptistenpastor und Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King (1929-1968) sowie die aus kommunistischen Milieus zum Katholizismus konvertierten „Links-Katholiken“ Dorothy Day (1897-1980) und Thomas Merton (1915-1968). Erstere eine Gewerkschaftsgründerin, der zweite ein strenger Trappistenmönch und erklärter Vietnamkriegs-Gegner.
„Eine Nation kann als bedeutend angesehen werden, wenn sie wie Abraham Lincoln die Freiheit verteidigt; wenn sie eine Kultur pflegt, welche die Menschen befähigt, vom vollen Recht für alle ihre Brüder und Schwestern zu träumen, wie Martin Luther King es ersehnte; wenn sie so nach Gerechtigkeit strebt und sich um die Sache der Unterdrückten bemüht, wie Dorothy Day es tat in ihrer unermüdlichen Arbeit, der Frucht eines Glaubens, der zum Dialog wird, und wenn sie Frieden sät im kontemplativen Stil Thomas Mertons“, sagte der Papst.

Keine Sklaven der Wirtschaft
In seiner einstündigen englischen Rede verlangte der Papst mehr Einsatz für eine Gesellschaft, die niemand ausschließt. Politik dürfe nicht Einzelinteressen dienen, sondern müsse immer die Gerechtigkeit und das Gemeinwohl im Blick haben. „Wenn die Politik wirklich im Dienst des Menschen stehen soll, folgt daraus, dass sie nicht Sklave von Wirtschaft und Finanzwesen sein kann“, sagte Franziskus vor den Abgeordneten der führenden kapitalistischen Macht der Erde.

Für Umweltschutz und Dialog
Der Papst rief zu einem sozialen Wirtschaften auf und betonte die Bedeutung der USA für den Umweltschutz. Franziskus appellierte zu Dialog mit den Gegnern und zur Aufmerksamkeit für die jungen Menschen, die allzu oft „desorientiert und ziellos“ seien, und er ging auf die wichtige Rolle der Weltmacht USA im Kampf gegen Armut, Hunger, Krieg und Flüchtlingselend ein.
Flüchtlinge und Waffenhandel
Weiters rief der Papst zum humanen Umgang mit Flüchtlingen auf, wobei er besonders die Situation an der Grenze zu Mexiko im Auge gehabt haben dürfte: „Behandeln wir die anderen mit derselben Hingabe und demselben Mitgefühl, mit dem wir behandelt werden möchten.“
Scharf kritisierte Franziskus in seiner Ansprache auch den Waffenhandel. Dessen einziger Zweck sei das Streben nach Geld: „Geld, das von Blut – oft unschuldigem Blut – trieft“.

Gegen Todesstrafe
In deutlichen Worten wandte er sich auch gegen die Todesstrafe und unterstützte nachdrücklich einen Aufruf der US-Bischöfe zu deren Abschaffung. Jeder Mensch sei mit einer unveräußerlichen Würde ausgestattet und das Leben unantastbar.

Kein Schwarz-Weiß-Malen
Zu den stärksten Aussagen zählte Franziskus’ freundlich verpackte, aber nicht zu überhörende Kritik an einem überhöhten religiösen Sendungsbewusstsein und Selbstgerechtigkeit der USA. In dem Land, das schon einmal den Kampf gegen den internationalen Terrorismus als „Kreuzzug gegen das Böse“ deklarierte, warnt er vor einem „grob vereinfachenden Reduktionismus“. Man dürfe die Wirklichkeit nicht einfach in Gute und Böse einteilen. „Den Hass von Tyrannen und Mördern nachzuahmen ist der beste Weg, um ihren Platz einzunehmen“.

Was ausgespart blieb
Interessant ist, welche Themen Franziskus nicht oder nur am Rande ansprach. Auffallend war, dass die internationale Politik keine zentrale Rolle spielt. Bemerkenswert ist auch, dass der Papst über Familie, Ehe und Lebensschutz nur sehr allgemein und kurz redet, obwohl auf diesem Feld mit der landesweiten Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe einiges Konfliktpotenzial liegt.
Das dürfte konservativen Katholiken nicht gefallen. Auch auf den Rassismus in den USA geht der Papst nicht ein.
Der Urbevölkerung widmet er hingegen eine eigene Passage. „Tragischerweise“ seien die Rechte derer, die seit jeher hier waren, nicht immer respektiert worden.

Aus der Ansprache von Papst Franziskus vor dem US-Kongress

Papst Franziskus vor dem US-Kongress.   Foto. L‘Osservatore Romano.

Papst Franziskus vor dem US-Kongress.
Foto. L‘Osservatore Romano.

Sohn des Kontinents
Ich bin sehr dankbar für Ihre Einladung, vor der gemeinsamen Sitzung des Kongresses in dem „Land der Freien und der Heimat der Tapferen“ zu sprechen.
Der Grund dafür liegt – so meine ich – darin, dass auch ich ein Sohn dieses großen Kontinentes bin, von dem wir alle so viel empfangen haben und dem gegenüber wir eine gemeinsame Verantwortung tragen.

Wie Mose das Volk führen
Ihre Arbeit lässt mich in zweifacher Weise an die Gestalt des Mose denken. Einerseits ist der Patriarch und Gesetzgeber des Volkes Israel ein Symbol für die Notwendigkeit der Völker, durch eine gerechte Gesetzgebung ihr Empfinden der Einheit wachzuhalten. Andererseits führt uns die Gestalt des Mose direkt zu Gott und damit zur transzendenten Würde des Menschen. Mose bietet uns eine gute Synthese Ihrer Arbeit: Sie sind aufgefordert, durch die Gesetzgebung das Gott ähnliche Abbild zu schützen, das dieser jedem menschlichen Gesicht eingeformt hat.

Lob des Mittelstands
Ich möchte diese Gelegenheit wahrnehmen, mit den vielen Tausend Männern und Frauen ins Gespräch zu kommen, die täglich darum bemüht sind, eine ehrenwerte Arbeit zu verrichten, das tägliche Brot nach Hause zu bringen, etwas Geld zu sparen und Schritt für Schritt ein besseres Leben für ihre Familien aufzubauen. Es sind Männer und Frauen, die sich nicht einfach damit zufrieden geben, ihre Steuern zu zahlen, sondern die im Stillen das Leben der Gesellschaft unterstützen, indem sie durch ihr Handeln Solidarität schaffen, und Organisationen ins Leben rufen, die den besonders Bedürftigen Hilfe bieten.

Flüchtlinge als Personen sehen
Unsere Welt steht vor einer Flüchtlingskrise, die ein seit dem Zweiten Weltkrieg unerreichtes Ausmaß angenommen hat. Das stellt uns vor große Herausforderungen und schwere Entscheidungen. Auch in diesem Kontinent ziehen Tausende von Menschen nordwärts auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Lieben, auf der Suche nach größeren Möglichkeiten. Ist es nicht das, was wir für unsere eigenen Kinder wünschen? Wir dürfen nicht über ihre Anzahl aus der Fassung geraten, sondern müssen sie vielmehr als Personen sehen, ihnen ins Gesicht schauen, ihre Geschichten anhören und versuchen, so gut wir können, auf ihre Situation zu reagieren. In einer Weise zu reagieren, die immer menschlich, gerecht und brüderlich ist.
Wir müssen eine heute allgemeine Versuchung vermeiden: alles, was stört, auszuschließen. Erinnern wir uns an die goldene Regel: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen“ (Mt 7,12).

Die Goldene Regel
Der Maßstab, den wir an die anderen anlegen, wird der Maßstab sein, mit dem die Zeit uns messen wird. Die goldene Regel erinnert uns auch an unsere Verantwortung, menschliches Leben in jedem Stadium seiner Entwicklung zu schützen und zu verteidigen.

Bedeutung von Ehe und Familie
Ich werde meinen Besuch in Ihrem Land in Philadelphia abschließen, wo ich am Weltfamilientreffen teilnehmen werde.
Es ist mein Wunsch, dass während meines gesamten Besuchs die Familie ein immer wiederkehrendes Thema ist.
Wie wesentlich ist die Familie für den Aufbau dieses Landes gewesen!
Und wie sehr verdient sie weiterhin unsere Unterstützung und unsere Ermutigung! Doch kann ich meine Sorge um die Familie nicht verbergen, die – vielleicht wie nie zuvor – von innen und von außen bedroht ist.
Grundlegende Beziehungen wie die eigentliche Basis von Ehe und Familie werden in Frage gestellt. Ich kann die Bedeutung und vor allem den Reichtum und die Schönheit des Familienlebens nur immer wieder betonen.

US-Vorbild I: Der spirituelle Lehrmeister Thomas Merton

Thomas Merton wurde 1915 in Prades (Frankreich) geboren. Seine Mutter Ruth war Innendekorateurin, sein Vater Owen angesehener Künstler. Als er sechs war, starb die Mutter. Danach wuchs er in britischen und französischen Internaten auf.

P. Thomas Merton (1915-1968).

P. Thomas Merton (1915-1968).

1933 begann Merton in Cambridge zu studieren, und zog später zu seinen Großeltern nach New York, wo er Journalistik studierte. Er sympathisierte mit dem Kommunismus, feierte Partys, sah leidenschaftlich gerne Kinofilme und verstand sich eher als Atheist.
1937 starb Mertons Großvater, darauf brachen innere Krisen auf. Über die mittelalterliche Philosophie näherte er sich dem christlichen Gottesbegriff und begann sich, obwohl protestantisch getauft, für den Katholizismus zu interessieren. 1938 wurde er in die römisch-katholische Kirche aufgenommen. Drei Jahre später trat er der Trappistenabtei Our Lady of Gethsemani in Kentucky (USA) bei, einem der streng-sten Orden der katholischen Kirche.
1942 führte Merton seinen jüngeren Bruder John Paul zur Taufe, der kurz darauf als Soldat bei einem Luftangriff fiel.

Einsamkeit und Meditation
1946 schrieb Merton im Auftrag seines Abtes  seine Autobiographie „Der Berg der Sieben Stufen“, die sich schlagartig zu einem Bestseller entwickelte. Von da an fühlte er sich ständig innerlich zerrissen zwischen seiner Berufung zum Mönch und Priester und der zum Schriftsteller.
1949 wurde Merton mit 34 Jahren zum Priester geweiht. Weitere Veröffentlichungen foltgen. Merton wurde zum international bekannten und gefragten Autor, er unterhielt eine umfangreiche Korrespondenz.
1955 wurde er Novizenmeister. Immer mehr vertiefte sich seine Vorliebe für Einsamkeit und Meditation, beschäftigte er sich mit Buddhismus und Zen.
Ab 1956 bahnte sich eine akute gesundheitliche Krise an, physisch wie psychisch. Erst mit dem Zugeständnis des Abtes, sich zeitweise als Eremit in eine Klause zurückziehen zu dürfen, löste sich seine innere Spannung.

Politische Proteste
Ab 1963 mischte sich Merton mehr und mehr ins politische Zeitgeschehen ein: Protest gegen die atomare Aufrüstung, Einsatz für die Gleichstellung der Schwarzen, Einschreiten gegen den Vietnam-Krieg und anderes Engagement ließen ihn in der Kommunistenhetze der USA im kalten Krieg zur verdächtigen Person werden.
Als Ernesto Cardenal, zwei Jahre lang Novize unter Mertons Leitung, nach Südamerika ging, unterstützte Merton auch die revolutionären Kräfte in Nicaragua.
Gleichzeitig entdeckt Merton das kontemplative Leben neu: Nicht als Rückzug von einer bösen Welt, sondern als eigene Art der Anteilnahme und Hinwendung zu den Wurzeln der Probleme.
1966 zog sich Merton auf Dauer in ein Leben als Eremit zurück; schrieb aber weiterhin zahlreiche Werke, unterhielt Korrespondenzen und empfing Besuche.
1968 durfte Merton erstmals das Kloster für längere Zeit verlassen, um in Bangkok an einer Konferenz asiatischer Mönchsführer teilzunehmen, zu der er als Gastredner eingeladen wurde.
Am 10. Dezember, wenige Minuten nach seinem Gastvortrag in Bangkok, starb der 53-jährige Merton im Hotel an einem Stromschlag.

Papst zitiert Merton
Papst Franziskus nannte Merton  vor dem US-Kongress eine bleibende Quelle spiritueller Inspiration und eine Leitfigur für viele Menschen.
Er zitierte aus dessen Autobiographie: „Ich kam in die Welt. Von Natur aus frei, als Abbild Gottes, war ich trotzdem ein Gefangener meiner eigenen Gewalt und meiner eigenen Ichbezogenheit – ein Abbild der Welt, in die ich hineingeboren worden war. Jene Welt war ein Bild der Hölle, voller Menschen wie ich, die Gott liebten und ihn dennoch hassten, die geboren waren, um ihn zu lieben, und die stattdessen in der Angst eines Hungers lebten, der ohne Hoffnung und in sich selbst widersprüchlich war.“
Merton sei vor allem ein Mann des Gebetes, ein Denker, der die Sicherheiten seiner Zeit herausgefordert und neue Wege für die Seelen und für die Kirche erschlossen hat, gewesen; ein Mann des Dialogs, ein Förderer des Friedens zwischen Völkern und Religionen.

US-Vorbild II: Dorothy Day – Ex-Kommunistin und Heilige in spe?

Dorothy Day wurde 1897 in New York als Tochter eines Sportreporters geboren. Sie graduierte mit 16 Jahren an der Robert Waller High School und gewann ein Stipendium der University of Illinois, wo sie Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas wurde. Als Journalistin schrieb sie für linke Blätter.

Dorothy Day (1897-1980).

Dorothy Day (1897-1980).

In Kalifornien trat sie in die Kommunistische Partei der USA ein und war eine der Pioniere der Partei in diesem Bundesstaat. Sie blieb eine radikale Anhängerin des Kommunismus, bis sie 1928 zum Katholizismus konvertierte. Gemeinsam mit Peter Maurin gründete sie 1933 die Catholic-Worker-Bewegung, aus der zuerst in den USA, dann weltweit „Houses of Hospitality“ entstanden, die in persönlicher Atmosphäre auf verschiedene Art und Weise benachteiligten Menschen helfen, Obdachlosen, Behinderten und Armen.
Als überzeugte Frauenrechtlerin und Pazifistin wurde sie mehrere Male inhaftiert, weil sie politische Entwicklungen nicht mit ihrem Gewissen und ihrem Glauben vereinbaren konnte.
Zuletzt war sie 1973 – im Alter von 75 Jahren – im Gefängnis, weil sie an einer verbotenen Streikpostenkette teilgenommen hatte, um César Chávez und die von ihm gegründete Landarbeitergewerkschaft in Kalifornien zu unterstützen.
Dorothy Day ist Autorin zahlreicher Bücher, Gründerin des St. Joseph’s House of Hospitality und der Zeitung The Catholic Worker in New York.  20 Jahre nach ihrem Tod 1980 bevollmächtigte Papst Johannes Paul II. das Erzbistum New York, das Seligsprechungsverfahren zu eröffnen.