Inhalt der gedruckten Ausgabe 01/2017

Leitartikel

Für den bunten Papst

Zum Sonntag

Schrifttexte

Gedanken zum Sonntag

Ehrentraud Maria Schneider
Missionarin i.R.
Laxenburg

Information

Papst Franziskus sieht „böswillige Widerstände“ in der Kurie
Kardinal Burke kündigt eine „Ermahnung“ des Papstes an

Papst Franziskus hat vor der Kurie sein Reformvorhaben verteidigt. Reformen seien ein Zeichen von Vitalität der Kirche und stets notwendig, sagte er in seiner Weihnachtsansprache vor Kardinälen und vatikanischen Behördenleitern am 22. Dezember. In seltener Deutlichkeit sprach er den Gegenwind  in der Kurie an.

Papst führt bezahlten Pflegeurlaub für Vatikanangestellte ein

Papst Franziskus hat familienfreundlichere Arbeitsregelungen für vatikanische Angestellte erlassen. Beschäftigte können sich für die Pflege eines Angehörigen künftig bis zu zwei Jahre beurlauben lassen und während dieser Zeit bis zu 80 Prozent ihres Gehalts weiter beziehen.

Die neue Einheitsübersetzung der Bibel ist da

„Nun ist es so weit: Nach einer rund zehnjährigen Vorbereitung liegt nun die revidierte Einheitsübersetzung in deutscher Sprache vor und ist auch schon in der Diözese St. Pölten erhältlich“, berichtet Karin Hintersteiner von der diözesanen Fachstelle Bibelpastoral.

Erstmals eine Frau an der Spitze der Vatikanischen Museen

Die Vatikanischen Museen erhalten mit 1. Jänner eine neue Direktorin: die 54-jährige Kunsthistorikerin Barbara Jatta aus Rom, seit Juli Vize-Direktorin der Sammlungen und damit engste Mitarbeiterin von Antonio Paolucci (77), der die Vatikanischen Museen seit 2007 leitete.

85.000 Sternsingerinnen…

… und Sternsinger bringen  bis 6. Jänner Segenswünsche für das neue Jahr und bitten um eine Spende für jene, denen ein Weihnachtsfest in Frieden, Wohlstand und Sicherheit verwehrt bleibt.

Früherer Nuntius Farhat gestorben

Der frühere Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Edmond Farhat, ist am 17. Dezember im Rom nach längerer Krankheit im Alter von 83 Jahren verstorben.

Vor 75 Jahren predigte Bischof Memelauer gegen NS-Euthanasie

„Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben.“ Das ist die Kernaussage in der mutigen Silvesterpredigt des damaligen St. Pöltner Bischofs Michael Memelauer vom 31. Dezember 1941, in der er als einziger Bischof in der damaligen „Ostmark“ unmissverständlich und öffentlich die „Euthanasie“-Politik des NS-Regimes verurteilte.

„Redet oft mit euren Großeltern“

Papst Franziskus hat Jugendliche aufgefordert, das Gespräch mit ihren Großeltern zu suchen.

Kasper zu Kardinalsanfragen an Papst: „Amoris laetitia“ ist klar
Kardinal Müller warnt vor „Polarisierung und Polemik“

Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper (83) hat die theologische Position von Papst Franziskus gegen den Brief von vier Kardinälen verteidigt.

Linken-Politiker: Nur die Kirchen sorgen für eine verbindliche Moral

Der Linken-Politiker Gregor Gysi will nach eigenem Bekunden in keiner gottlosen Gesellschaft leben.

Papst mischt sich in Streit ein, der Malteserorden ist empört

In den internen Streit des Malteserordens um die Amtsenthebung von Albrecht von Boeselager als Großkanzler hat sich jetzt der Vatikan eingeschaltet.

Schweizer Kanton ernannte Seelsorger für suizidgefährdete Bauern

Als sich die Suizide unter den Bauern in der Waadt häuften, hatte der Kanton genug – und beauftragte 2015 den evangelischen Pfarrer Pierre-André Schütz, sich der verzweifelten Landwirte anzunehmen, berichtet die Hamburger „Zeit“.

Pfarrer von Aleppo: Ein Traum ist wahr geworden

Mit dem Abzug bewaffneter Rebellen aus dem Osten Aleppos hat sich nach den Worten des dortigen katholischen Pfarrers Ibrahim Al-Sabagh ein Traum erfüllt.

Telefonseelsorge: 130.000 Gespräche jedes Jahr

Rund 130.000 Gespräche führen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge österreichweit jedes Jahr. Die Spitzenzeit ist dabei immer rund um die Weihnachtsfeiertage.

Slowakei: Kleine Erhöhung  der niedrigen Priestergehälter

Die Gehälter der Geistlichen und der Angestellten in den zentralen Einrichtungen der staatlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Slowakei werden mit 1. Jänner 2017 um 4 Prozent angehoben. Dies entspricht einer durchschnittlichen Erhöhung um 19 Euro.

70er von Landeshauptmann Erwin Pröll größter Promi-Treff in Göttweiger Geschichte

Am 17. Dezember feierte Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll im Stift Göttweig seinen 70. Geburtstag. Das von der ÖVP Niederösterreich ausgerichtete Fest, an dem 3.000 Personen teilnahmen, war der größte Prominententreff in der 900-jährigen Geschichte der Benediktinerabtei.

Istanbul: Keine Weihnachts-Turbulenzen im St. Georgs-Kolleg

Das österreichische St. Georgs-Kolleg in Istanbul ist von den Turbulenzen rund um die von Deutschland geförderte Schule „Istanbul Lisesi“ und einem vermeintlichen „Weihnachts-Verbot“ nicht betroffen.

Sie weigern sich, auf Brüder zu schießen

Wer so anders ausschaut und noch dazu nicht deutsch spricht, ist sowieso verdächtig. Der gehört nicht hierher. Nix arbeiten, aber Geld von uns kriegen. Die gehören abgeschoben! So einfach ist das – am Biertisch. Das neue Buch „Leb wohl, Mutter!“ von Pfarrer Franz Zeiger will den Leser zu einem genaueren Hinsehen bringen.  Michael Mayr hat es gelesen

Bischöfe besuchten österreichische KFOR-Soldaten im Kosovo

„Euer Einsatz für ein friedliches Miteinander gerade in einer von Spannungen und Konflikten so belasteten Region kann gar nicht hoch genug geschätzt werden“.

„Holder Knabe im lockigen Haar“

Der holde Knabe im lockigen Haar – Mariapfarr“: Das steht auf der diesjährigen Markenneuerscheinung, die die österreichische Post zu Weihnachten 2016 herausgegeben hat.

Leitartikel

Für den bunten Papst

Mit der diesjährigen Weihnachtsansprache an die Kurie hat Papst Franziskus wohl keine neuen Freunde gewinnen können. Er sprach von „böswilligen Widerständen“. Doch diese gibt es nicht nur dort.
Während der Großteil der Katholiken den Papst offenkundig unterstützt, bekämpft ihn eine kleine äußerst konservative Szene überaus aggresiv.
Wer ins Internet schaut, könnte meinen, die Papst-Kritiker seien in der Kirche die absolute Mehrheit.
Die fundamentalistischen Medien sind den reformorientierten weit voraus. Sie verstärken ihre Tätigkeit laufend.
JA ist die einzige nichtoffizielle Kirchenzeitung Österreichs. Wir haben beschlossen zu reagieren.
Unser Papst hat neuen Wind in die Kirche gebracht. Er stellt sie bunt dar.
Deshalb haben wir beschlossen, auch bunt zu werden.
Das Grün des Logos ist nicht nur jenes von Rapid, sondern vielmehr Farbe der Hoffnung.
Dieser Hoffnung auf Reform wollen wir weiterhin dienen. Verstärkt. Soweit wir es vermögen.
Sie können mithelfen, wenn Sie uns weiter empfehlen.
Für JA zu werben wäre nach den persönlichen Vorsätzen im Advent ein möglicher Vorsatz für 2017.
Es geht um die Zukunft unserer Kirche.

P. Udo

 

 

Schrifttexte

Erste Lesung:   Num 6, 22-27

So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, und ich werde sie segnen

Der Herr sprach zu Mose: Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.
So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, und ich werde sie segnen.

 

Zweite Lesung:   Gal 4, 4-7

Gott sandte seinen Sohn, geboren von einer Frau, damit wir die Sohnschaft erlangen

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.

 

Evangelium:   Lk 2, 16-21

Sie fanden Maria und Josef und das Kind

So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war. Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoß seiner Mutter empfangen wurde.

 

Gedanken zum Sonntag

Ehrentraud Maria Schneider
Missionarin i.R.
Laxenburg

Das Willkommen leben

Das Jahr beginnt mit einer Muttergeschichte. Das Kind ist da, die Hirten besuchen die Familie und freuen sich über das Neugeborene.
Ein kleines Kind bringt Hoffnung und Freude, es gibt den Menschen die Zuversicht, dass alles gut weiter geht. Die Besucher machen auch den Eltern, der Mutter Freude, denn sie bekommt die die Zuwendung, die sie dringend braucht. Die Zeit nach der Geburt ist für Frauen oft schwierig, sie sind mitunter depressiv, die Hormone im Körper müssen wieder auf „normal“ gebracht werden. Das kostet Kraft und Energie. Da kommen Ermutigung und Unterstützung gerade recht.
Schon gar, wenn die Familie in armen Verhältnissen untergebracht ist. An eine sofortige Rückreise ist mit einem Baby nicht zu denken. Auch braucht die Mutter einige Zeit der Erholung.
Was die Hirten zu Maria sagen, kommt ihr erst später zu Bewusstsein. Die Bedeutung der Worte wirkt nach, kommt wieder, wenn die Zeit dafür reif ist.
Es ist schon sehr erfreulich, wenn die Kirche das Jahr mit der Mutter- und Familiengeschichte beginnt. Nehmen wir das erst: die kleinen Kinder – wenn sie denn in die Kirche kommen – verstehen nicht, was am Altar geschieht. Wir müssen den Müttern und Vätern danken, dass sie sich Zeit nehmen, zu kommen. Davor ist die Prozedur, die Kinder anzuziehen, die Fütterungszeiten so zu organisieren, dass die eine oder die zwei Stunden ohne Fläschchen möglich sind. Dann ist in vielen Kirchen auch kein Raum, wo Mütter stillen oder das Kind wickeln können. Eine volle Windel ist ein Stress für Mutter und Kind.
Und kleine Kinder äußern sich halt durch quengeln, plaudern, plappern, schreien und brüllen. Das ist weder Eltern, Kindern noch der Gottesdienstgemeinde angenehm. Es kann sogar als sehr störend empfunden werden.  Kinder können noch nicht in gelehrten Worten sprechen. Sie können aber eine Atmosphäre des Willkommenseins spüren. Dieses Willkommen spüren auch Mütter, Väter, Geschwister.
Wenn wir wollen, dass Kirche Zukunft hat, müssen wir alle willkommen heißen, wir müssen dieses Willkommen leben. Wir müssen diese Freude der Liebe leben, amoris laetitia.

 

Information

Papst Franziskus sieht „böswillige Widerstände“ in der Kurie
Kardinal Burke kündigt eine „Ermahnung“ des Papstes an

Papst Franziskus hat vor der Kurie sein Reformvorhaben verteidigt. Reformen seien ein Zeichen von Vitalität der Kirche und stets notwendig, sagte er in seiner Weihnachtsansprache vor Kardinälen und vatikanischen Behördenleitern am 22. Dezember. In seltener Deutlichkeit sprach er den Gegenwind  in der Kurie an.

Neben konstruktiver Kritik, Angst und Trägheit gebe es auch „böswillige Widerstände“, sagte Franziskus. Diese Art von Widerstand, die „oft im Schafspelz“ daherkomme, verstecke sich „hinter rechtfertigenden und in vielen Fällen anklagenden Worten und flüchtet sich in Traditionen, Schein, Formalität, in das Bekannte“, so Franziskus. Konkrete Beispiele nannte er nicht.

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Papst Franziskus.

Die traditionelle Weihnachtsansprache des Papstes vor der römischen Kurie hatte bereits 2014 für Verstimmung im Vatikan gesorgt. „Geistliches Alzheimer“ hielt er der römischen Kurie damals vor.

Kardinal Burke will Papst ermahnen lassen
In der Debatte um den Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen steht möglicherweise eine neue Eskalation bevor. Der frühere Kurienkardinal Raymond Leo Burke kündigte im Interview mit dem US-Internetportal „Life Site News“ eine formale Ermahnung von Papst Franziskus an, sollte dieser seine Position nicht im Sinne der traditionellen katholischen Lehre präzisieren. Burke, von 2008 bis 2014 Präfekt der Apostolischen Signatur, des höchsten Vatikangerichts, ist derzeit Kardinalpatron des Malteserordens.

Leitlinien der Reform
In seiner Ansprache vor der Kurie nannte Franziskus als Leitlinien seiner Reform mehr Dialogkultur, die Beteiligung von Laien und Frauen an Führungsrollen und eine professio-nelle Personalentwicklung. Reform müsse „ein Prozess des Wachstums und vor allem der Bekehrung“ sein, die Strukturveränderung geschehe nicht zum Selbstzweck oder als „Schönheitsoperation, um die Falten zu entfernen“, sagte er; „es sind nicht die Falten, vor denen man sich in der Kirche fürchten muss, sondern die Schmutzflecken.“ Als unerlässlich nannte der Papst eine ständige Fortbildung der Kurienmitarbeiter. Mit der Praxis, ungeeignete Amtsinhaber zu befördern, um sie wegzuschaffen, müsse endgültig Schluss sein. Franziskus nannte diese Gepflogenheit einen „Krebs“.

Kasper zu Kardinalsanfragen an Papst: „Amoris laetitia“ ist klar
Kardinal Müller warnt vor „Polarisierung und Polemik“

Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper (83) hat die theologische Position von Papst Franziskus gegen den Brief von vier Kardinälen verteidigt.

Im Gespräch mit Radio Vatikan sagte der frühere Präsident des Päpstlichen Einheitsrates, aus seiner Sicht sei Franziskus’ Schreiben „Amoris laetitia“ klar. Vier Kardinäle, darunter die Deutschen Joachim Meisner und Walter Brandmüller, hatten dem Papst schriftlich „dubia“, also theologische Zweifel, zu „Amoris laetitia“ unterbreitet. Es sei gezeigt worden, dass kein Widerspruch zu den Aussagen von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) bestehe; es handle sich um eine homogene Entwicklung. Für Kasper gibt es keine Zweifel.

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Kurienkardinal Walter Kasper.
Foto: Rupprecht@kathbild.at.

„Eingebildete Zweifel“
„Einige ehrenwerte Herren leiden, weil sie nicht verstehen, was Franziskus in ‚Amoris laetitia‘ sagen wollte“, heißt es in einem vom „Osservatore Romano“  veröffentlichten Artikel des spanischen Kardinals Fernando Sebastian Aguilar (86). Ihre Zweifel seien „eingebildet“. Auch der vatikanische Innenminister Erzbischof Angelo Becciu hat Kritik am Brief der vier Kardinäle geübt.

Kardinal Müller warnt vor Polarisierung
Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskongregation,  hat nach dem offenen Brief der vier Kardinäle, vor „Polarisierung und Polemik“ gewarnt. Eine „Diskussion auch kontroverser Ansichten im Kardinalskollegium und im Episkopat mit dem Bischof von Rom“ sei indes normal, sagte er gegenüber der „Passauer Neuen Presse“. Müller: „Es gibt keine Ausnahme von der Unauflösbarkeit einer sakramentalen Ehe.“ Die vom Papst erwähnten Einzelfälle bezögen sich auf die Frage, „ob alle natürlichen Voraussetzungen, vor allem der Ehewille, und das rechte Verständnis der Ehe im Glauben im Augenblick des Eheabschlusses gegeben waren oder nicht“. Im Normalfall, so der Kurienkardinal, werde in einem geordneten kirchenrechtlichen Verfahren geklärt, ob es sich um eine gültige Ehe gehandelt habe.

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Kardinal Gerhard Ludwig Müller.

„Redeweise irreführend“
Müller äußerte sich auch zur Forderung des Papstes nach einer synodalen Kirche und distanzierte sich von dessen Wortwahl: „Diese Redeweise von ‚oben‘ und ‚unten‘ mit den Bildern des Gottesvolkes als Basis und dem Episkopat mit dem Papst als Pyramidenspitze hat sich eingebürgert und bleibt doch schematisch und irreführend.“
Unterdessen äußerte der emeritierte Kurienkardinal Renato Raffaele Martino Verständnis für das Anliegen der vier Kardinäle.

Schweizer Kanton ernannte Seelsorger für suizidgefährdete Bauern

Als sich die Suizide unter den Bauern in der Waadt häuften, hatte der Kanton genug – und beauftragte 2015 den evangelischen Pfarrer Pierre-André Schütz, sich der verzweifelten Landwirte anzunehmen, berichtet die Hamburger „Zeit“.

Der Bauernseelsorger  soll verhindern, dass sich noch mehr Landwirte in ihren Scheunen erhängen.
Der pensionierte 67-Jährige sei eine Idealbesetzung, weil er die Bauern und ihre Sorgen gut verstehe. Schütz selbst kam mit sechs Jahren als Verdingkind aus dem Waisenhaus auf einen Hof, war jahrzehntelang Bauer. Erst mit 52 Jahren studierte er Theologie und arbeitete danach in einem ländlichen Bezirk als Pfarrer.

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Bauernseelsorger
Pierre-Andre Schütz.

Scheu, um Hilfe zu bitten
Schütz: „Was ich auf den Bauernhöfen sehe? Zunächst: menschliche Verzweiflung. Weil die Frau wegwill, weil jemand gestorben ist, weil der Bauer nicht mehr aufstehen mag und keine Ahnung hat, wie es weitergehen soll.“ Zusätzlich schnürten Geldsorgen den Betrieben die Luft ab.
Viele Bauern raffen sich nicht mehr selbst auf, scheuen sich, um Hilfe zu bitten. Aber wenn er sie besuche und ganz einfach sage: „Erzähl mal“, dann breche ein Damm, und unvermittelt werde ihre Hilflosigkeit sichtbar.

Konkurs als Demütigung
Die meisten Bauern würden heute für 6 bis 13 Franken die Stunde arbeiten, und davon könne man kaum mehr leben. Schütz: „Das ist eine Schande, wenn die Gesellschaft jene, die sie ernährt, nicht mehr bezahlen kann!“
Wer sich dem Strukturwandel nicht anpasse, gehe in Konkurs. Das bedeute, dass die Äcker und Weiden, die Generationen gepflegt haben, plötzlich weg sind.
Ein Bauer, der scheitert, der verliere den Boden unter den Füßen. Schütz: „Für die Bauern ist das eine Schande, eine unerträgliche Demütigung“.
Nicht die Landwirtschaft, wie immer behauptet, sondern die Exportindustrie werde in der Schweiz gefördert. Der Bauernpfarrer: „Ich bin wütend, und die Wut steigt.“

Hilfsnetz notwendig
Acht Bauern haben sich im letzten Jahr allein in der Waadt das Leben genommen. Letzten Monat erst wieder zwei. Trotz der Arbeit des Bauernseelsorgers. Erstmals braucht Pierre-André Schütz selbst einen Betreuer. Der Helfer braucht Hilfe. Seit er mit der Arbeit als Bauernseelsorger begann, wurde Schütz von Anfragen überrannt. Inzwischen betreut er 41 Familien.Trotz seiner Wut, trotz Enttäuschungen und Rückschlägen ist Pierre-André Schütz überzeugt, dass es dringend mehr Helfer braucht. Erstmals werden deshalb in diesem Winter auch Tierärzte, Landwirtschaftskontrolleure und Vertreter der Landi-Genossenschaft an einem Kurs geschult. Gut hundert Personen, die regelmäßig mit Bauern in Kontakt kommen, sollen lernen, die Anzeichen für einen Suizid zu erkennen.
Pierre-André Schütz ist überzeugt: Man darf nicht warten, bis die Betroffenen selbst Hilfe suchen. In der Romandie wurde im Jahr 2013 das Sorgentelefon des Bauernverbandes eingestellt, weil kaum jemals Anrufe eingingen. Die Bauern würden den Kummer in sich reinfressen.

Sie weigern sich, auf Brüder zu schießen

Wer so anders ausschaut und noch dazu nicht deutsch spricht, ist sowieso verdächtig. Der gehört nicht hierher. Nix arbeiten, aber Geld von uns kriegen. Die gehören abgeschoben! So einfach ist das – am Biertisch. Das neue Buch „Leb wohl, Mutter!“ von Pfarrer Franz Zeiger will den Leser zu einem genaueren Hinsehen bringen.  Michael Mayr hat es gelesen

12 junge Männer aus Syrien leben seit 2015 in der Pfarre Linz – St. Peter. Muslime und Christen, Araber und Kurden, Tür an Tür mit Pfarrer Franz. Sie nennen ihn inzwischen „Abouna“ – Vater. Die Pfarrsekretärin ist ihre „Mama Maria“. In Interviewform erzählen sie aus ihrem Leben und über ihre Flucht in einfachster Sprache, denn Deutsch ist für die meisten von ihnen sehr schwierig. Alle sind vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen, alle sagen, sie sind nicht bereit, auf Brüder zu schießen und sie sind auch nicht bereit, zu sterben – für… – ja, wofür?
Der einzige Ausweg ist Flucht.
Für diese jungen Männer beginnt ein unglaublicher Leidensweg. Abschied von der Mutter, wer schon eine eigene Familie hat, muss sie zurücklassen, nur weg! Tage, Wochen, ja Monate unterwegs in fremden Ländern, in nächtlichen Fußmärschen, im überfüllten Schlauchboot nachts auf dem Meer, im Kastenwagen halb erstickt, von verbrecherischen Schleppern ausgeraubt, immer auf der Flucht vor der Polizei, erschöpft und durchnässt … Sie erzählen über ihre Angst und Todesgefahren, über Messer am Hals, über Zurückschiebungen, über ihre Verzweiflung.
Wir kennen das alles aus den Nachrichten. Doch wenn es einer erzählt, der es selbst durchgemacht hat, so ist das noch einmal etwas anderes. „Wem es bei diesen Geschichten nicht das Herz zerreißt, der hat keines!“ Dieses Zitat stammt zwar aus einem anderen Buch (Norbert Blüm: Aufschrei), aber es drängt sich hier in mein Gedächtnis.

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Pfarrer Franz Zeiger mit „seinen“ Flüchtlingen. 
Foto: MM.

Die jungen Männer erzählen aber auch über Menschen, die geholfen haben. Mit der Zuweisung nach Linz – St. Peter haben sie Glück gehabt. Einige reden sogar von einer „zweiten Familie“. Ihre Erfahrungen mit zutiefst bösen Menschen scheinen zu umso größerer Dankbarkeit für jede Hilfe zu führen.
Was für mich noch einen besonders erfreulichen Aspekt darstellt, ist die Tatsache, dass weder in diesem Buch noch in der Pfarre die Frage „Bist du Christ oder Muslim?“ gestellt wird. Alle teilen die gleiche Sehnsucht nach Frieden.

Franz Zeiger: „Leb wohl, Mutter!
Krieg – Verfolgung – Flucht“,
150 Seiten; dip3-Verlag; € 9,80.
Der Reinerlös kommt der Flüchtlingshilfe von Pfarrer Zeiger zugute.